Erfahrungsbericht aus der Praxis

Der rote Faden über Systeme, Lebenszyklen, Übergänge zum Ingenieurbüro für Transformation

Ich dachte, ich hätte mein berufliches Thema mehrfach gewechselt. Heute erkenne ich einen roten Faden, der sich von 2010 bis 2026 durch mein Leben zieht.

Berufliche Biografie
Vom Wiederfinden alter Arbeiten zum roten Faden

Vor einigen Tagen kam mir ein Gedanke: Was hatte ich eigentlich in meinen Abschlussarbeiten untersucht?

Die vollständigen Arbeiten suche ich noch. Gefunden habe ich inzwischen zumindest die beiden Kolloquiumspräsentationen meiner Abschlussarbeit im Wirtschaftsingenieurwesen von 2011 und meiner Masterthesis im Maschinenbau Produktionssysteme von 2013.

Beim erneuten Anschauen entstand für mich eine Verbindung, die ich vorher so deutlich kaum gesehen hatte.

Ich dachte lange, dass ich mich beruflich immer wieder mit neuen Themen beschäftigt habe. Heute erkenne ich darin ein Muster.

Es geht um Systeme, ihre Lebenszyklen und Übergänge. Mich beschäftigt immer wieder die Frage, wie einzelne Elemente zusammenwirken, was ein System gerade begrenzt und welche Veränderung eine sinnvolle nächste Bewegung ermöglichen kann.

Meine Abschlussarbeit im Wirtschaftsingenieurwesen trug den Titel „Fabriklebenszyklen unterschiedlicher Geschäftsmodelle hybrider Leistungsbündel“.

Ich beschäftigte mich damit, wie unterschiedliche Geschäftsmodelle den Lebenszyklus einer Fabrik beeinflussen.

Schon damals betrachtete ich eine Fabrik ausdrücklich als Gesamtsystem. In meiner Darstellung gab es eine Fabriksystemgrenze. Innerhalb dieser Grenze standen Menschen, Maschinen, Material, Energie und Informationen miteinander in Beziehung. Hinzu kamen Organisation, Planung, Steuerung, Qualität und die verschiedenen Aufgaben des Fabrikbetriebs.

Methodisch verglich ich unterschiedliche Ansätze aus den Fabrikwissenschaften. Ich analysierte ihre Definitionen, Prozesse, Phasen und Aufgaben, suchte Gemeinsamkeiten und ordnete sie einem Lebenszyklus hybrider Leistungsbündel zu. Aus dieser Analyse und Synthese entstand ein eigener Aufgabenkontext mit insgesamt 44 Aufgaben.

Dabei wurde auch sichtbar, dass Verantwortung vom jeweiligen Geschäftsmodell abhängt und sich über den Lebenszyklus verändert. Manche Aufgaben reichen über mehrere Phasen hinweg, andere gehen im Verlauf eines Lebenszyklus in einen veränderten Verantwortungsbereich über.

Wenn ich heute darauf schaue, erkenne ich darin bereits einen Gedanken, der mich weiter begleitet hat:

Ein Element eines Systems wird für mich verständlicher, wenn ich seine Beziehungen und Wechselwirkungen mit dem Gesamtsystem betrachte.

Damals war dieses System die Fabrik.

Dabei sollte es bleiben und zugleich immer größer werden.

2013: Meine Masterthesis und meine Begeisterung für Systemtechnik

Mein Master of Engineering führte mich anschließend in den Maschinenbau Produktionssysteme.

Besonders begeistert hat mich dort die Systemtechnik. Mich interessierte zunehmend, wie komplexe Systeme funktionieren, wie unterschiedliche Einflussgrößen miteinander verbunden sind und warum eine Veränderung an einer Stelle Auswirkungen an ganz anderen Stellen erzeugen kann.

Meine Masterthesis trug den Titel „Konzept zur Materialflussoptimierung nach Prinzipien des Lean Managements“.

Der Titel klingt zunächst nach einer klassischen Produktionsaufgabe. Tatsächlich betrachtete ich das System aus mehreren Perspektiven.

Zur Untersuchung gehörten das Produktionsprogramm, ABC und XYZ Analysen, eine Strukturierung über Deckungsbeiträge, qualitative Erhebungen, Wertstromanalysen, Taktzeiten, Anlagenverfügbarkeiten, Bestände, Materialbewegungen und Informationsflüsse.

Rückblickend sehe ich darin bereits eine Verbindung von Materialfluss, Informationsfluss und Finanzfluss.

Mich interessierte also nicht nur, wie sich ein Produkt durch eine Produktion bewegt. Ebenso relevant war, welche Produkte für das betrachtete System eine besondere Bedeutung hatten, wie regelmäßig Bedarfe auftraten und welchen wirtschaftlichen Beitrag unterschiedliche Teile des Produktionsprogramms leisteten.

Die qualitative Untersuchung ergänzte diese Betrachtung. Die Masterthesis verband unterschiedliche Datenquellen und Betrachtungsrichtungen miteinander. In meiner Kolloquiumspräsentation lässt sich diese Verbindung aus qualitativer Befragung, Datenanalyse und Wertstromanalyse noch gut erkennen.

Heute erscheint mir gerade diese Verbindung besonders wertvoll.

Zahlen zeigen bestimmte Muster eines Systems. Menschen nehmen weitere Zusammenhänge wahr. Beides zusammen erweitert das Bild.

Der Engpass ließ sich berechnen

Ein zentraler Teil meiner Masterthesis war die Engpassanalyse.

Ich hatte genügend Primärdaten und Rechendaten gesammelt, um Taktzeiten zu bestimmen und die technischen Begrenzungen des Produktionssystems zu berechnen. Auch in meiner damaligen Präsentation ist der Engpass an einer Presse ausdrücklich dokumentiert. Ausfälle und Rüstvorgänge spielten dabei eine wichtige Rolle.

Ich rechnete weiter, betrachtete unterschiedliche Möglichkeiten und prüfte meine Annahmen aus mehreren Richtungen.

Das Ergebnis blieb für mich stabil.

Mit dem vorhandenen Maschinenpark ließ sich die identifizierte Begrenzung nach meinen Berechnungen durch organisatorische oder personenbezogene Maßnahmen allein kaum sinnvoll verschieben.

Damit wurden die möglichen Konsequenzen wesentlich grundsätzlicher. Eine Möglichkeit bestand in der Auslagerung von Produktion, eine andere in technischen Veränderungen zur deutlichen Steigerung der Anlagenverfügbarkeit. In letzter Konsequenz führten meine Überlegungen bis zu baulichen Veränderungen an den Hallen und einer grundlegenderen Veränderung des Produktionssystems.

Das war ein Ergebnis mit weitreichenden Konsequenzen und es löste wenig Begeisterung aus.

Ich spürte damals deutlich die Missstimmung rund um meine Schlussfolgerungen. Gleichzeitig hatte ich die Daten erhoben, die Berechnungen durchgeführt und meine Annahmen mehrfach geprüft.

Also blieb ich bei meinem Ergebnis.

Diese Erfahrung begleitet mich bis heute. Eine Analyse gewinnt für mich gerade dadurch an Wert, dass ihr Ergebnis offen bleibt.

Mich interessiert die Frage:

Was zeigt mir das System tatsächlich?

Heute würde ich dabei wesentlich früher Rückmeldungen einbeziehen und mit kürzeren Lernzyklen arbeiten. Damals war meine Arbeitsweise deutlich analytischer.

Während ich die Grenze des Produktionssystems untersuchte, erreichte ich selbst eine Grenze

Die Zeit meiner Masterthesis war persönlich sehr intensiv.

Ich erlebte einen gesundheitlichen Zusammenbruch, musste mich einer schweren Operation unterziehen und wurde anschließend stark von Carearbeit beansprucht.

Viele dieser Themen sprach ich damals kaum aus. Mir fehlten Worte und Formen, um diese Erfahrungen gut zu vermitteln. Gleichzeitig hatte ich wenig Vertrauen darauf, dass meine Situation auf Verständnis treffen würde.

Meine Konzentrationsfähigkeit veränderte sich, ich zog mich zurück und konnte meine Arbeit immer schwerer in der Weise fertigstellen, die meinem eigenen Anspruch entsprach.

Eine berufliche Übernahme, die zunächst in Aussicht gestellt worden war, entstand anschließend für mich nicht.

Aus dieser Zeit blieben Ärger und Groll.

Damals konnte ich diese Gefühle noch kaum einordnen und integrieren.

Das geschah erst Jahre später.

In Selbsterfahrungsprozessen, die ursprünglich andere Themen zum Gegenstand hatten, begegneten mir diese Erfahrungen wieder. Dort konnte ich den damaligen Ärger und Groll schrittweise integrieren. Im Rückblick wurden für mich dabei auch Scham und Ängste sichtbar, die ich damals noch kaum greifen oder ausdrücken konnte.

Diese spätere Auseinandersetzung erweitert heute meinen Blick auf die damalige Situation.

Während ich sehr genau berechnen konnte, wo die Belastungsgrenze eines Produktionssystems lag, konnte ich meine eigene Belastung wesentlich schwerer verstehen und kommunizieren.

Heute gehören beide Ebenen für mich zu einer Systembetrachtung.

Drei Jahre später

Etwa drei Jahre später begegnete mir das damalige Produktionssystem noch einmal.

Ich sah überrascht, dass die Hallen abgerissen worden waren. Auch die komplette Vorstandsebene war inzwischen ausgetauscht worden.

Daraus leite ich keinen kausalen Beweis für meine damaligen Berechnungen ab.

Für mich persönlich blieb dieser Moment trotzdem eindrücklich.

Jahre zuvor hatte ich ein Ergebnis vertreten, das sehr weitreichende technische und strukturelle Veränderungen nahelegte und damals wenig anschlussfähig erschien. Später sah ich das System tatsächlich in einer wesentlich grundsätzlicheren Veränderung.

Diese Erfahrung hat meinen Umgang mit unbequemen Beobachtungen geprägt.

Ein Ergebnis darf für mich zunächst stehen und weiter geprüft werden, auch wenn es gerade wenig Zustimmung erzeugt.

Eine Empfehlung aus meiner Masterthesis lebt bis heute weiter

Beim erneuten Blick auf meine Masterthesis fiel mir noch etwas auf.

Eine der damaligen Empfehlungen lautete Bereinigung der Projektlandschaft. In der Nutzen und Aufwand Betrachtung meiner Präsentation war sie eine eigenständige Gestaltungsoption.

Damals ging es darum, die Vielzahl paralleler Vorhaben in den Blick zu nehmen, Aufmerksamkeit zu fokussieren und Ressourcen sinnvoll einzusetzen.

Dieser Gedanke begleitete mich weiter.

Er führte später unter anderem zum 3K Kompass für Betriebsräte.

Der Kontext veränderte sich, der Grundgedanke blieb anschlussfähig. Eine komplexe Themenlandschaft wird übersichtlicher, wenn Zusammenhänge sichtbar werden, Prioritäten geklärt werden und Aufmerksamkeit bewusst eingesetzt werden kann.

Rückblickend erkenne ich darin etwas, das sich durch mein Berufsleben zieht.

Methoden und Denkprinzipien wechseln den Kontext und entwickeln sich dabei weiter.

2014 bis 2019: Vom Fabriklebenszyklus zum Projektlebenszyklus

Nach meiner Masterthesis verschob sich meine Perspektive weiter.

Zwischen 2014 und 2019 beschäftigte ich mich intensiv mit Projektlebenszyklen, unter anderem in hochkomplexen Produktentwicklungs und Industrialisierungsprojekten.

Ein Teil dieser Arbeit führte mich in eine Fabrik in China. Dort verbanden sich Produktentwicklung, Industrialisierung, Produktion, Projektmanagement und internationale Zusammenarbeit zu einem komplexen Gesamtsystem.

Später wechselte meine Perspektive vom einzelnen Projekt auf eine ganze Projektlandschaft.

Im Multiprojektmanagement und PMO ging es zeitweise um die Steuerung von knapp 50 Projekten. Damit kamen Produktlebenszyklen, Projektabhängigkeiten, Ressourcen und unterschiedliche Projektphasen zusammen.

Mich beschäftigten Fragen wie: Welche Projekte beeinflussen sich gegenseitig, welche Ressourcen stehen zur Verfügung, welche Produkte befinden sich in welcher Phase ihres Lebenszyklus und wo lohnt sich gerade die größte Aufmerksamkeit?

Wieder ging es um Systeme und Lebenszyklen.

Die Systemgrenze wurde größer.

Als Betriebsrat bekam das Wirtschaftsingenieurwesen eine neue Bedeutung

Besonders deutlich habe ich die Breite meines Wirtschaftsingenieurstudiums später in meiner Zeit als Betriebsrat erlebt.

Ich arbeitete in unterschiedlichen Ausschüssen und begegnete nahezu täglich Themen aus sehr verschiedenen betrieblichen Bereichen. Gespräche mit HR gehörten genauso dazu wie der Austausch mit Beschäftigten aus unterschiedlichen Fachrichtungen und Funktionen.

Mir hat es große Freude bereitet, Menschen in ihrer täglichen Arbeit verstehen zu lernen.

Gerade dabei half mir die Breite meines fachlichen Hintergrunds.

Ich konnte mich mit technischen Abläufen beschäftigen und gleichzeitig wirtschaftliche Zusammenhänge betrachten. Bei Personalthemen interessierten mich Arbeitsorganisation, Qualifizierung und die Auswirkungen von Entscheidungen auf konkrete Tätigkeiten. Bei größeren Veränderungen konnte ich unterschiedliche fachliche Perspektiven miteinander verbinden und versuchen, ihre Wechselwirkungen zu verstehen.

Dabei musste ich selbst keineswegs für jedes Thema der tiefste Fachexperte sein.

Für mich war entscheidend, genug zu verstehen, um relevante Fragen stellen, Perspektiven verbinden und Auswirkungen auf das Gesamtsystem erkennen zu können.

Genau darin sehe ich heute eine große Stärke des Wirtschaftsingenieurwesens.

Technik und Wirtschaft bilden dabei einen Teil der Verbindung. In der Praxis kamen Menschen, Organisation, Interessen, Kommunikation und Zusammenarbeit hinzu.

Vom Ende eines Standortlebenszyklus zum Personallebenszyklus

Als Betriebsrat bekam das Thema Lebenszyklus schließlich eine völlig andere Bedeutung.

Jetzt ging es um das Ende eines ganzen Standortes.

Ein Standort besteht für mich rückblickend aus wesentlich mehr als Gebäuden, Maschinen und Prozessen. Menschen verbinden damit Beziehungen, Erfahrungen, Routinen, Wissen, Zugehörigkeit, Einkommen und Zukunftsvorstellungen.

Mit dem Ende eines Standortes verändert sich deshalb für viele Menschen ein großer Teil ihres vertrauten Systems.

Ich erlebte diesen Übergang selbst und schließlich führte mich dieser Weg in eine Transfergesellschaft.

Dort rückte der einzelne Mensch für mich immer stärker in den Mittelpunkt.

Was passiert, wenn ein beruflicher Abschnitt endet? Welche Erfahrungen bleiben wertvoll, welche Kompetenzen lassen sich übertragen, welche Richtung wird interessant und welche Möglichkeiten bietet der Arbeitsmarkt?

Später vertiefte sich diese Perspektive für mich noch einmal im strategischen Personalmanagement entlang des Personallebenszyklus.

Dabei geht es um die Verbindung von Menschen finden, ausbilden, entwickeln, binden und Übergänge gestalten.

Heute stehe ich genau an dieser Stelle und erkenne rückblickend ein Muster in meinem Berufsleben.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Lebenszyklen.

Der Fabriklebenszyklus wurde zum Produktlebenszyklus, daraus entstanden Projektlebenszyklen und ganze Projektlandschaften, später erlebte ich den Standortlebenszyklus und schließlich landete ich beim Personallebenszyklus.

Das betrachtete System verändert sich.

Die zugrunde liegende Neugier erkenne ich immer wieder.

Heute wird mein Wirtschaftsingenieurwesen noch einmal größer

Auch heute erlebe ich die verschiedenen Perspektiven meines Wirtschaftsingenieurstudiums als sehr präsent.

Ich betrachte den Arbeitsmarkt zunehmend auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive. Mich interessieren die Wechselwirkungen zwischen Technologie, Arbeitsmarkt, Qualifizierung, Unternehmen, Geschäftsmodellen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Gleichzeitig brauche ich die Betriebswirtschaft für mein eigenes Unternehmen sehr konkret.

Marketing ist für mich ein Kern, um Kundenperspektive und Angebot miteinander zu verbinden. Ein gutes Angebot entsteht für mich dort, wo ich verstehe, was Menschen oder Organisationen tatsächlich beschäftigt und welchen konkreten Nutzen eine Zusammenarbeit für sie entfalten kann.

Vertrieb verbindet diesen Nutzen mit einer konkreten Zusammenarbeit.

Auch Rechnungswesen betrachte ich heute anders als früher.

Es ist für mich das Nervensystem meines Unternehmens.

Einnahmen, Ausgaben, Liquidität und wirtschaftliche Entwicklung geben mir Rückmeldung darüber, welche Entscheidungen möglich sind und wo Aufmerksamkeit sinnvoll ist.

Dahinter steht für mich ein sehr persönliches Wofür.

Ich möchte meine unternehmerische Vision entwickeln und gleichzeitig mein Familieneinkommen stabilisieren.

Wirtschaftlichkeit und Wirkung gehören für mich deshalb zusammen. Wirtschaftliche Stabilität schafft Möglichkeiten, meine Arbeit langfristig auszuüben und weiterzuentwickeln.

Eine weitere Erkenntnis: Ich habe früher sehr viel analysiert

Beim Blick auf meine Masterthesis erkenne ich neben der Gründlichkeit auch eine Grenze meiner damaligen Arbeitsweise.

Ich analysierte das Produktionsprogramm, führte ABC und XYZ Analysen durch, betrachtete Deckungsbeiträge, Materialfluss und Informationsfluss, erstellte Wertstromanalysen und rechnete mit Anlagenverfügbarkeiten, Taktzeiten und Engpässen. Ergänzend bezog ich qualitative Einschätzungen in die Untersuchung ein.

Ich wollte sehr viele Zusammenhänge verstehen, bevor ich eine Empfehlung formulierte.

Diese Gründlichkeit war wertvoll. Sie ermöglichte mir, meinen Berechnungen auch dann zu vertrauen, als das Ergebnis wenig Begeisterung auslöste.

Heute verbinde ich diese analytische Fähigkeit mit wesentlich kürzeren Lernzyklen.

Wenn ich eine Idee für ein Produkt habe, baue ich möglichst früh etwas, das sich ausprobieren lässt.

Wenn ich eine Vermutung über ein System habe, kann ich sie als Mikrothese formulieren und früh in Kontakt mit anderen Menschen bringen.

Dadurch entstehen Rückmeldungen. Ich erfahre, was Resonanz erzeugt, welche Annahmen sich weiterentwickeln und wo möglicherweise eigene Projektionen wirken.

Feedback wird damit Teil meiner Analyse.

Ich brauche ein System heute weniger vollständig zu durchdringen, bevor ich eine erste Bewegung ermögliche. Ich kann eine Annahme formulieren, etwas ausprobieren, die Reaktion wahrnehmen und mein weiteres Vorgehen daran ausrichten.

Die Sorgfalt ist geblieben.

Der Erkenntniszyklus ist kürzer geworden.

Große Themen und kleine Bewegungen

Eine weitere wichtige Erfahrung kam später in meiner Prozessbegleitung bei der GKA hinzu.

Dort habe ich gelernt, dass die wahrgenommene Größe eines Themas wenig darüber aussagt, wie groß die nächste hilfreiche Bewegung sein muss.

Ein beruflicher Umbruch kann das gesamte bisherige Selbstbild berühren, ein Konflikt kann sehr viel Raum einnehmen, eine Transformation kann eine ganze Organisation über einen langen Zeitraum beschäftigen.

Und trotzdem kann Bewegung an einer kleinen, sehr konkreten Stelle beginnen.

Besonders wichtig sind für mich dabei heute innere Bewegungen.

Eine Wahrnehmung verändert sich, etwas bekommt Worte, eine Grenze wird spürbar, eine neue Möglichkeit wird vorstellbar oder ein erster konkreter Schritt wird möglich.

Äußerlich kann zunächst wenig sichtbar sein.

Diese kleinen Bewegungen können später größere Veränderungen ermöglichen.

Das hat meinen Blick auf Transformation noch einmal erweitert.

Ich kann ein sehr großes System betrachten und gleichzeitig fragen:

Was ist die kleine, konkrete Bewegung, die gerade möglich ist?

Für mich verbindet diese Frage heute Systemtechnik und Prozessbegleitung auf eine überraschende Weise.

Die Größe des Gesamtsystems und die Feinheit des nächsten Schrittes gehören zusammen.

Was ich in der Natur über Zyklen beobachte

Vielleicht beschäftigt mich das Thema Lebenszyklen inzwischen auch deshalb so stark, weil ich außerhalb meiner beruflichen Arbeit etwas Ähnliches beobachte.

Wenn ich allein in der Natur unterwegs bin, erlebe ich diese Zeit oft wie kleine Urlaube im Alltag.

Dort fällt mir auf, wie vieles in Zyklen und Kreisläufen organisiert erscheint.

Jahreszeiten verändern sich, Pflanzen wachsen und vergehen, Wasser bewegt sich durch Landschaften und unterschiedliche Zustände, Lebewesen erfüllen Funktionen innerhalb größerer Zusammenhänge.

Nicht jede Funktion erschließt sich mir sofort.

Und gerade das finde ich interessant.

Diese Beobachtung gibt mir Vertrauen.

Wenn gesellschaftliche Diskussionen sehr emotional werden und sich Ereignisse hochschaukeln, hilft mir die Natur dabei, meinen Betrachtungsraum wieder zu erweitern.

Ich muss dann nicht sofort eine abschließende Bewertung finden.

Eine Frage hilft mir besonders:

Wofür ist das vielleicht hilfreich?

Für mich lädt diese Frage dazu ein, eine zusätzliche Perspektive zu öffnen.

Was kann daraus entstehen, was wird sichtbar, welche Fähigkeit entwickelt sich gerade und welche nächste Phase könnte sich dadurch vorbereiten?

Diese Frage hat für mich viel mit Vertrauen zu tun und gleichzeitig mit Handlungsmacht.

Direkt danach kann eine zweite Frage folgen:

Was ist jetzt eine kleine Bewegung, die etwas ermöglichen könnte?

Meine Systemgrenze ist größer geworden und meine Lernzyklen sind kürzer geworden

Wenn ich meine berufliche Biografie heute betrachte, sehe ich weniger einzelne, voneinander getrennte Tätigkeiten.

Ich erkenne wiederkehrende Fragen.

Wie funktioniert dieses System, in welcher Phase befindet es sich, welche Wechselwirkungen sind gerade relevant, wo liegt ein Engpass, welche Ressourcen stehen zur Verfügung, welche Verantwortung liegt wo und welche kleine Bewegung könnte eine größere Entwicklung ermöglichen?

Meine Systemgrenze ist über die Jahre größer geworden.

Sie reicht heute vom technischen Produktionssystem über Projekte, Produkte und Organisationen bis zum Arbeitsmarkt und zum einzelnen Menschen.

Gleichzeitig sind meine Lernzyklen kürzer geworden.

Ich möchte Annahmen früher spiegeln, Produkte früher ausprobieren, Rückmeldungen schneller aufnehmen und meine Perspektive beweglich halten.

Meine Aufmerksamkeit reicht inzwischen vom sehr großen Gesamtsystem bis zu einer sehr feinen inneren Bewegung.

Für mich passt das zusammen.

Vielleicht habe ich mein berufliches Thema deshalb viel weniger gewechselt, als ich lange dachte.

Meine Rollen haben sich verändert, meine Methoden wurden vielfältiger und meine Systemgrenze wurde größer. Hinzu kamen Projektmanagement, Mitbestimmung, Transformation, Coaching, Selbsterfahrung, Marketing, Unternehmertum und persönliche Erfahrungen.

Die zentrale Neugier erkenne ich trotzdem wieder:

Wie hängt das alles zusammen und wo kann eine Bewegung entstehen, die etwas Sinnvolles ermöglicht?

Vielleicht verbindet genau diese Frage für mich Wirtschaftsingenieurwesen, Maschinenbau Produktionssysteme, Systemtechnik, Projektmanagement, Betriebsratsarbeit, Transformationsbegleitung und systemisches Coaching.

Es ist weniger eine einzelne Methode.

Es ist eine Art, auf Systeme, Menschen und Veränderung zu schauen.

Learning

Beim Blick auf meine alten Arbeiten und beruflichen Stationen habe ich meinen roten Faden weniger in Berufsbezeichnungen gefunden als in den Fragen, die immer wieder auftauchen.

Ich erkenne ihn auch in Dingen, die ich selbst erschaffen habe, in wissenschaftlichen Arbeiten, Projektstrukturen, Methoden, dem 3K Kompass, Workshops, Produkten und meinem eigenen Unternehmen.

Manches davon entstand mit vielen Jahren Abstand.

Erst heute erkenne ich Verbindungen.

Meine eigene Biografie wird damit für mich selbst zu einer Form von Systembetrachtung.

Diesmal bin ich ein Teil dieses Systems.

Impuls

Welche Fragen und welche Positionierung erkennst du in deiner privaten und beruflichen Biografie wieder?

Vielleicht hilft dabei ein Blick auf die Dinge, die du selbst bereits erschaffen hast. Welche Arbeiten, Projekte, Produkte, Konzepte, Entscheidungen oder Ideen ziehen deine Aufmerksamkeit immer wieder an? Welche Themen verbinden sie und welche Rolle übernimmst du dabei?

Manche Fähigkeiten entstehen lange bevor wir einen passenden Namen dafür finden.

Und bei Erfahrungen, deren Bedeutung heute noch offen erscheint, kann vielleicht eine weitere Frage einen neuen Blick ermöglichen:

Wofür ist das vielleicht hilfreich?

Genau solche Fragen beschäftigen mich heute in der Transferbegleitung, beim Aufbau von Transformationskultur und im systemischen Coaching zur beruflichen Neuorientierung, unter anderem auch im Rahmen eines AVGS.

Manchmal beginnt eine neue berufliche Richtung damit, die eigene Geschichte noch einmal anders zu betrachten und Zusammenhänge zu entdecken, die bisher keinen gemeinsamen Namen hatten.

Quellen & weiterführende Literaturhinweise

Eigene Arbeiten und Primärquellen

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Berliner Hochschule für Technik: Maschinenbau Produktionssysteme, M.Eng. BHT

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INCOSE (2023): Systems Engineering Handbook. A Guide for System Life Cycle Processes and Activities, 5th Edition. INCOSE

Lean, Wertstrom und Gesamtoptimierung

Rother, Mike; Shook, John: Learning to See. Value Stream Mapping to Add Value and Eliminate Muda. Lean Enterprise Institute. Lean Enterprise Institute

Lean Enterprise Institute: Value Stream Mapping. Lean Enterprise Institute

Projekt und Portfoliolebenszyklen

Project Management Institute: Projects and the Project Lifecycle. PMI

GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement (2019): Kompetenzbasiertes Projektmanagement PM4. Handbuch für Praxis und Weiterbildung im Projektmanagement. GPM

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