Erfahrungsbericht aus der Praxis

Der Job-Futuromat: Aus Angst vor KI wird eine konkrete Lernfrage

Warum ich das IAB-Tool als Einstieg in KI-Seminare nutze

KI-Seminare · Future Skills · Arbeitsgestaltung

Werkzeug im Seminar: Der Job-Futuromat des IAB macht technische Automatisierbarkeit auf Tätigkeitsebene besprechbar.

Ich nutze ihn nicht als Vorhersageinstrument, sondern als Einstieg in konkrete Lernfragen, Beteiligung und Arbeitsgestaltung.

Situation

Wenn ich mit Beschäftigten, Führungskräften oder Betriebsräten über künstliche Intelligenz spreche, steht am Anfang häufig nicht die Frage:

„Wie funktioniert ein guter Prompt?“

Dahinter liegt meist eine grundsätzlichere Sorge:

„Was bedeutet KI für meinen Arbeitsplatz?“

Diese Frage ist verständlich. Gleichzeitig bleibt die öffentliche Diskussion oft sehr abstrakt. Auf der einen Seite stehen Versprechen von enormen Produktivitätssteigerungen. Auf der anderen Seite entstehen Szenarien, in denen ganze Berufe verschwinden.

In vielen meiner KI-Seminare nutze ich deshalb den Job-Futuromat des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung als Einstieg.

Das Tool stellt für rund 4.600 in Deutschland bekannte Berufe dar, welche beruflichen Tätigkeiten technisch automatisierbar sein könnten. Grundlage sind berufskundliche Informationen aus dem BERUFENET der Bundesagentur für Arbeit.

Herausforderung

Eine Prozentzahl kann schnell erschrecken.

Zeigt der Job-Futuromat beispielsweise eine Automatisierbarkeit von 75 oder sogar 100 Prozent an, liegt die Schlussfolgerung nahe:

„Dann wird mein Beruf bald nicht mehr gebraucht.“

Genau das sagt das Ergebnis jedoch nicht aus.

Der Job-Futuromat zeigt keine Wahrscheinlichkeit für den Verlust eines Arbeitsplatzes. Er untersucht, welche einzelnen Tätigkeiten technisch vollständig durch Computer, computergesteuerte Maschinen oder digitale Technologien ausgeführt werden könnten.

Ob eine technisch automatisierbare Tätigkeit tatsächlich automatisiert wird, hängt unter anderem von Wirtschaftlichkeit, Qualität, Flexibilität sowie rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen ab. Berufe verschwinden deshalb nur selten vollständig. Häufiger verändern sich Tätigkeitsprofile.

Hinzu kommt eine wichtige Einschränkung: Die derzeit angezeigten Ergebnisse beruhen auf den technologischen Möglichkeiten des Jahres 2022. Sie sind damit eine fundierte Momentaufnahme, aber keine Echtzeitmessung der heutigen KI-Leistungsfähigkeit. Das IAB bestimmt diese Substituierbarkeitspotenziale regelmäßig neu.

Handlung

Ich verwende den Job-Futuromat deshalb nicht als Orakel, sondern als Gesprächs- und Reflexionswerkzeug.

Die Teilnehmenden suchen zunächst ihren Beruf. Danach betrachten sie nicht nur die angezeigte Prozentzahl, sondern die dahinterliegenden Tätigkeiten.

Der entscheidende Schritt beginnt bei der Frage:

„Entspricht dieses Tätigkeitsprofil überhaupt meinem tatsächlichen Arbeitsalltag?“

Im Job-Futuromat können Kerntätigkeiten abgewählt, weitere Tätigkeiten ergänzt und die Häufigkeit einzelner Aufgaben angepasst werden. Dadurch entsteht ein persönlicheres Tätigkeitsprofil statt einer pauschalen Bewertung anhand einer Berufsbezeichnung.

Anschließend unterscheiden wir gemeinsam:

Welche Routinetätigkeiten könnten automatisiert oder vereinfacht werden?

Bei welchen Aufgaben könnte KI unterstützen, ohne die Verantwortung zu übernehmen?

Wo bleiben menschliche Erfahrung, Wahrnehmung, Beziehung oder Urteilskraft entscheidend?

Welche neuen Tätigkeiten könnten durch den Einsatz der Technologie entstehen?

Welche Qualifizierung wird dafür benötigt?

So wird aus der allgemeinen Frage, ob KI Arbeitsplätze vernichtet, eine wesentlich konkretere Betrachtung:

Welche Teile meiner Arbeit verändern sich – und wie kann ich diese Veränderung mitgestalten?

Ergebnis

Diese Perspektive verändert häufig die Stimmung im Seminar.

Aus einem scheinbar bedrohten „Beruf“ wird ein Bündel unterschiedlicher Tätigkeiten. Einige davon sind gut automatisierbar. Andere verändern sich. Wieder andere gewinnen sogar an Bedeutung.

Das nimmt nicht jede Sorge. Es macht die Sorge jedoch besprechbar.

Beschäftigte können konkreter benennen, wo sie Entlastung erwarten und wo sie den Verlust von Erfahrung, Qualität oder Handlungsspielraum befürchten. Führungskräfte erkennen Qualifizierungsbedarfe. Betriebsräte erhalten Ansatzpunkte für Beteiligung, Arbeitsgestaltung und Beschäftigungssicherung.

Der Job-Futuromat liefert dabei keine fertige Transformationsstrategie. Er schafft jedoch ein erstes gemeinsames Lagebild.

Seit seinem Relaunch zeigt das Tool neben der Automatisierbarkeit auch relevante Technologien, von Arbeitgebern nachgefragte Kompetenzen, Veränderungen im Zeitverlauf und ökologisch nachhaltige Tätigkeiten an. Dadurch kann aus der ersten Bestandsaufnahme unmittelbar eine Lern- und Entwicklungsfrage entstehen.

Welche Future Skills daraus entstehen

Aus meiner Arbeit mit dem Job-Futuromat leite ich keine allgemeingültige Liste von Zukunftskompetenzen ab. Ich erkenne jedoch mehrere Fähigkeiten, die Menschen und Organisationen benötigen, um technologischen Wandel aktiv zu gestalten.

1. Tätigkeits- und Systemkompetenz

Eine Berufsbezeichnung allein sagt wenig darüber aus, wie ein konkreter Arbeitsplatz aussieht.

Beschäftigte müssen ihre Aufgaben, Schnittstellen, Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten beschreiben können. Erst dann lässt sich sinnvoll entscheiden, wo KI unterstützen kann und welche Auswirkungen eine Veränderung auf andere Arbeitsbereiche hat.

Diese Kompetenz vermittle ich unter anderem durch Prozessanalysen, gemeinsames Modellieren und LEGO® Serious Play®.

2. Praktische KI-Kompetenz

Future Skills entstehen nicht allein durch Wissen über KI.

Entscheidend ist die Erfahrung, eigene Aufgaben mit geeigneten Werkzeugen auszuprobieren: Informationen strukturieren, Texte überarbeiten, Varianten entwickeln, Wissen aufbereiten oder Arbeitsabläufe unterstützen.

In meinen Seminaren verbinde ich deshalb kurze fachliche Impulse mit konkreten Experimenten aus dem Arbeitsalltag.

3. Kritische Urteils- und Verantwortungskompetenz

Ein KI-Ergebnis ist noch keine belastbare Entscheidung.

Beschäftigte müssen Quellen prüfen, Fehler erkennen, Ergebnisse fachlich bewerten und entscheiden können, wann menschliche Kontrolle unverzichtbar bleibt. Dazu gehören auch Datenschutz, Mitbestimmung, Transparenz und die Frage, wer für ein Ergebnis verantwortlich ist.

KI-Kompetenz bedeutet für mich deshalb immer auch Grenzenkompetenz.

4. Lern- und Veränderungskompetenz

Technologien verändern sich schneller als klassische Stellenbeschreibungen und Weiterbildungspläne.

Zukunftsfähig ist nicht, wer jedes Werkzeug bereits kennt. Zukunftsfähig ist, wer neue Werkzeuge erproben, Erfahrungen auswerten und das eigene Vorgehen anpassen kann.

In meiner Arbeit verbinde ich dieses Lernen mit systemischem Coaching und der bewussten Wahrnehmung von Unsicherheit, Widerstand und somatischen Markern. Veränderung wird dadurch nicht nur verstanden, sondern erlebt und bearbeitbar.

5. Beteiligungs- und Kommunikationskompetenz

Die Einführung von KI ist kein reines IT-Projekt.

Beschäftigte, Führungskräfte, Betriebsrat, Personalbereich, Datenschutz, Schwerbehindertenvertretung und Arbeitsschutz betrachten Veränderungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese Unterschiede müssen frühzeitig sichtbar werden.

Ich unterstütze dabei, ein gemeinsames Lagebild zu entwickeln, Interessen zu klären und aus unterschiedlichen Sichtweisen tragfähige nächste Schritte abzuleiten.

6. Projekt- und Umsetzungskompetenz

Eine Erkenntnis aus dem Job-Futuromat verändert noch keinen Arbeitsprozess.

Dafür braucht es ein geeignetes Anwendungsfeld, klare Ziele, einen überschaubaren Piloten, Verantwortlichkeiten und Kriterien zur Auswertung. Projektmanagement hilft, aus einer interessanten Idee einen kontrollierten Lernprozess zu machen.

Gerade bei KI empfiehlt sich häufig nicht die sofortige große Lösung, sondern ein begrenztes Experiment mit anschließendem Review.

7. Menschliche Wahrnehmungs- und Beziehungskompetenz

Je mehr Routineaufgaben automatisiert werden, desto wichtiger können Fähigkeiten werden, die sich nur eingeschränkt standardisieren lassen:

zuhören, Zusammenhänge wahrnehmen, Vertrauen aufbauen, Perspektiven wechseln, mit Mehrdeutigkeit umgehen und Verantwortung in schwierigen Situationen übernehmen.

Diese Fähigkeiten sind kein romantischer Gegenpol zur Technik. Sie werden zu einem wesentlichen Teil professioneller Handlungskompetenz.

Learning

Der Job-Futuromat beantwortet nicht die Frage, wie sicher ein Arbeitsplatz in zehn Jahren sein wird.

Er ermöglicht etwas Wertvolleres: Er zerlegt eine diffuse Zukunftsangst in konkrete Tätigkeiten, Technologien und Lernfelder.

Die wichtigste Future Skill ist für mich deshalb Gestaltungskompetenz:

zu erkennen, was automatisiert werden kann, was automatisiert werden sollte, was menschlich bleiben muss und wie der Übergang verantwortlich organisiert wird.

Impuls

Welche Ihrer heutigen Tätigkeiten soll KI laut Job-Futuromat künftig übernehmen?

Bei welchen Aufgaben soll sie unterstützen, ohne die Verantwortung zu tragen?

Und welche menschliche Fähigkeit gewinnt an Bedeutung, wenn Routinen wegfallen?

Ich nutze den Job-Futuromat in KI-Seminaren als Ausgangspunkt. Darauf aufbauend entwickle ich gemeinsam mit den Beteiligten konkrete Lernfelder, geeignete Anwendungsszenarien und umsetzbare nächste Schritte.

Verwendete Quellen

KI nicht nur erklären, sondern arbeitsnah erproben?

Ich entwickle KI-Seminare und Beteiligungsformate, in denen aus abstrakter Sorge konkrete Lern- und Umsetzungsschritte werden.

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